Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
05. Mai 2026Krankfeiern ist zu billig
05. Mai 2026Legastheniker an die Macht
16. April 2026Zucker oder Salz
15. April 2026Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
30. März 2026Der Cem und die schwäbische Oma
30. März 2026Der Enkeltrick
17. März 2026Wir steigern das Bruttosozialprodukt
17. März 2026Das Spiel ist aus
15. April 2026
Staatsgeld für meine WeinhandlungÜber ein paar Widersprüche der Kulturförderung
Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.
Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.
Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.
Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.
Übergriffiger Paternalismus
Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.
Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.
Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.
Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.
Weg mit dem Kulturstaatsamt
Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Juli Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).
Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.
Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.
Rainer Hank
30. März 2026
Der Cem und die schwäbische Oma
Über die Bedingungen von Integration und Assimilation in Deutschland
Cem Özdemir ist fest entschlossen, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden. Manuel Hagel, sein Konkurrent mit schwäbischen Wurzeln, wird sich noch eine Weile zieren, dann aber knurrend einem Koalitionsvertrag zustimmen.
Cem Özdemir hat sich das Label »anatolischer Schwabe« angeheftet, was ihm in migrantischen Milieus weniger Freunde macht als in schwäbischen. Wie hat Özdemir, Sohn türkischer Gastarbeiter, den Weg aus Urach am Rande der Schwäbischen Alb (damals noch nicht »Bad Urach«) in die Villa Reitzenstein geschafft, dem Regierungssitz in bester Stuttgarter Halbhöhenlage? Wäre so eine Karriere heute leichter oder schwerer als damals?
Begeben wir uns zurück in die sechziger Jahre der alten Bundesrepublik. Das vom Wirtschaftswunder verwöhnte Deutschland brauchte dringend Arbeiter. Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeverfahren vom 31.Oktober 1961 kamen auch Özdemirs Eltern nach Deutschland, jeder auf seinen eigenen Wegen: Der Vater aus einfachen Verhältnissen in einem entlegenen Dorf, die Mutter aus einer bürgerlichen Familie in Istanbul. Das Anwerbeabkommen funktionierte planwirtschaftlich, die »Gäste« wurden zugewiesen, je nachdem, wo Bedarf war. So landete Vater Özdemir in Urach in einer Firma, die Feuerlöscher herstellte. Die Mutter arbeitete in einer Papierfabrik, später machte sie sich selbständig und eröffnete eine Änderungsschneiderei. Die Eltern sprachen miteinander türkisch, deutsch beherrschten sie nur rudimentär.
Der Sohn Cem kommt 1965 auf die Welt. Die Integrationsbedingungen waren nicht rosig. Das Kind wurde in der Schule gehänselt. Ein Vorteil war, dass es in Urach kein homogenes Migrationsmilieu gab, so wie in Berlin-Kreuzberg. Der Ort war schwäbisch-pietistisch geprägt. Man hat sich anzustrengen, muss etwas leisten: Disziplin ist die Voraussetzung eines gottgefälligen Lebens. Aber auch: »Man hat sich um andere zu kümmern, das gehört sich so.« So hat Özdemir es mir vor Jahren in einem Interview für die FAS erzählt. Einen Leistungsdruck gab es von zuhause schon: »Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte oder einen Eintrag ins Klassenbuch bekam, schwebte über mir das Damoklesschwert: Du kommst in die Türkei.«
Die Moral und Disziplin der Pietisten
Die Drohung mochte als Leistungsantrieb genügen. Hilfe konnten die Eltern dem jungen Cem aber nicht geben. Die kam von den schwäbischen Pietisten. »Ich hatte einen Mitschüler, dessen Oma uns immer zum Wandern mitnahm. Das hat mir gutgetan, dass ich meine Zeit anders verbringen konnte als vor dem Fernseher oder auf der Straße.« Diese Oma schaute darauf, dass Cem seine Hausaufgaben machte, so wie die eigenen Enkel. Da strengt der Cem sich an, will nicht zurückstehen.
Die schwäbische Oma ist glücklicher Zufall. Das Muster des Zufalls ist von Bildungsökonomen gut untersucht. Natürlich spielen Schule und gute Lehrer eine große Rolle. Fast noch wichtiger aber ist der außerschulische Austausch, der Kontakt in andere Milieus, schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Raj Chetty: Gemischte Nachbarschaften funktionieren als Integrationsermöglicher und sind Voraussetzung sozialer Mobilität.
Muhterem Aras, geboren 1966 in Elmaağaç, hat mir eine ähnliche Geschichte erzählt. Bundespolitisch ist sie weniger bekannt als Cem Özdemir. Seit zehn Jahren ist die Grünen-Politikerin Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Der Vater kam als Gastarbeiter aus einer ostanatolischen Bauernfamilie nach Sielmingen auf den Fildern bei Stuttgart. Später hat er seine Frau und die fünf Kinder nachgeholt. Die Mutter blieb zeitlebens Analphabetin, konnte bis zum Ende ihres Lebens weder lesen noch schreiben. In der schwäbischen Nachbarschaft gab es die Christel: »Wir waren fast jeden Tag bei ihr, haben viel ferngesehen und Pucki-Bücher gelesen, was sehr hilfreich war.« Sonntags haben Christels Eltern die anatolischen Nachbarskinder mitgenommen zu Ausflügen. »Sie sind sogar mit uns in die neue Stuttgarter Staatsgalerie gegangen. Sie gingen auch mit uns ins Restaurant. Oder ins Schwimmbad. Und meine Freundin Sabine hat mich in die evangelische Jungschar mitgenommen.«
So geht Bildungsaufstieg. So geht Assimilation. Lesen, schreiben und rechnen in der Sprache der neuen Heimat sind Voraussetzungen von Integration. Werte, Haltungen und Umgangsformen lernt man nicht so sehr in der Schulklasse kennen, sondern vielmehr bei den Omas, den Eltern der Christels und Sabines und in der evangelischen Jungschar.
Ist das alles heute leichter geworden? Ja, wenn man nur auf die aggregierten Zahlen schaut. In der ersten Generation der »Gastarbeiter« waren rund vierzig Prozent ohne schulischen Abschluss, weniger als fünf Prozent hatten Abitur. In der zweiten Generation – also der Generation Cem Özdemir und Muhterem Aras – sind nur noch zehn bis fünfzehn Prozent ohne Bildungsabschluss; 20 Prozent haben Abitur. Der Abstand zur Gesamtbevölkerung schrumpft (fünf Prozent ohne Abschluss, 35 Prozent mit Abitur). In der nächsten Generation wird sich das mutmaßlich weiter angleichen.Das Kita-Paradox
Aber die Omas in der Nachbarschaft, die den Wertekanon tradieren? Da geben neuere Untersuchungen über regionale Ungleichheiten zu denken. Pauschal gesagt: Die Chancen, eine schwäbische Oma oder eine Christel kennenzulernen, schwinden. Milieus werden homogener. Die Chancen schwinden, Kinder aus deutschen Mittelschichtsfamilien kennenzulernen, deren Eltern einen ins Museum mitnehmen.
Das fängt schon früh an: Eine gemeinsam vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie (»Sozioökonomische Segregation und Kitaversorgung«) spricht vom »Kita-Paradox«. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf Betreuungsplätze ab im Jahr 2008 sprießen die Kitas vor allem in Vierteln, in denen bessergestellte Familien wohnen, zulasten solcher mit geringem Einkommen und höherem Migrationshintergrund. Ein ähnliches Ergebnis förderte Anfang des Jahres eine Untersuchung der F.A.S zutage: Weiterführenden Schulen sind in Mittelschichtsquartieren deutlich näher erreichbar als in Gegenden mit einem hohen Anteil sozial schwacher Familien.
Die Ursachen für das Kita- und Gymnasiums-Paradox liegen weitgehend im Dunkeln. An der staatlichen Finanzierung liegt es nicht. Klar ist nur: Die Mittelschichten bleiben gerne unter sich; die soziale Infrastruktur folgt der Mittelschicht: dort gibt es die Sportvereine, die Musikschulen und Kulturangebote. In den Migrantenmilieus finden sich heute weniger Omas und Christels.
Die räumlichen Erschwernisse des Bildungsaufstiegs für Migranten weiter zu erforschen und zu verändern, – das könnte ein Auftrag für den ersten grünen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund werden.
Rainer Hank
30. März 2026
Der Enkeltrick
Was hat die Familie im Erbrecht zu suchen?
Wie kommt man an ein ordentliches Vermögen? Klar, es gibt die langweiligen Wege: Erlerne einen anständigen Beruf, mache Karriere, lebe sparsam! Dann gibt es riskante Wege: Spekuliere am Aktien- und am Immobilienmarkt, fange früh damit an. Und wenn Du ganz mutig bist, dann leihe Dir dafür zu günstigen Konditionen Geld, um den Hebel des Gewinns zu vergrößern. Wenn es gut geht, kann man auf diese Weise schwer reich werden. Es kann aber auch schwer daneben gehen.
Ich hätte hier einen etwas ungewöhnlichen Vorschlag zum Erwerb eines großen Vermögens. Freunde Dich mit einer kinderlosen Witwe an – und lass Dich von ihr adoptieren. Das mag sich auf den ersten Blick anhören wie aus einem Trivialroman über einen Erbschleicher, kommt aber in der Realität gar nicht so selten vor, wie ich mir habe sagen lassen.
Nehmen wir also an, der zu Adoptierende sei kein Erbschleicher, sondern habe sich in langen Jahren um die Witwe gekümmert, weshalb sie ihm aus Dankbarkeit ihr Erbe überlassen will. Nehmen wir der Einfachheit weiter an, es gehe um ein Vermögen von zehn Millionen Euro; das ist ordentlich, wenn auch nicht steinreich. Dann stellt sich die Sache so dar: Vererbt die alte Dame ihrem familienfremden jungen Freund ihr Vermögen, bekommt der einen steuerlichen Freibetrag von 20.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse III einem Steuersatz von 50 Prozent. Die Witwe will sich bei ihrem Freund bedanken. In Wirklichkeit kann sich der Fiskus bedanken; denn er erbt knapp fünf Millionen Euro, genau gesagt 4.990.000 Euro.Eine Adoption verändert alles. Als Kind hat man einen Freibetrag von 400.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse Eins einem Steuersatz von 23 Prozent. Nach Abzug des Freibetrags gehen 2.208.000 Euro an den Staat, 7.792.000 bleiben beim Erben. Damit summiert sich der geldwerte Vorteil der Adoption auf 2.802.000 Euro. Davon muss man noch die Gerichts-, Notar- und womöglich zusätzlichen Anwaltskosten abziehen, die sich über den Daumen gerechnet auf 20.000 bis 60.000 Euro belaufen, aus meiner Sicht verkraftbar – und zudem steuerlich absetzbar. Rein steuerlich motivierte Adoptionen sind natürlich verboten. Nachzuweisen ist eine »echte soziale Mutter-Kind-Beziehung«. Aber genau so habe ich meine Geschichte ja konstruiert.
Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet
Nun will ich hier keine Ratschläge geben zur Steuervermeidung im Erbfall; viele Kanzleien leben davon und machen das besser als ich. Mir geht es um eine Ungerechtigkeit, die merkwürdigerweise selten thematisiert wird. Mit welchem Recht wird die Familie im Erbrecht privilegiert? Was rechtfertigt einen derart satten Eingriff in das Recht des Erblassers, der doch in einer liberalen Gesellschaft mit seinem Eigentum machen können sollte, was er oder sie will? Denn Artikel 14 unseres Grundgesetzes garantiert: »Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.«
Das würde eine Besserstellung von Familienmitgliedern Grenzen setzen, stünde da nicht der Zusatz: »Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.« Die gesetzliche Beschränkung der Freiheit ist ziemlich kompliziert und überbürokratisiert und würde sich als Übungsfeld für Bürokratieabbauer vorzüglich eignen. Denn es gibt nicht nur mindestens sechs Stufen von Freibeträgen, die feinsinnig unterscheiden zwischen Urenkeln (100.000 Euro) und Enkeln (200.000 Euro, wenn Elternteil lebt, 400.000 Euro, wenn Elternteil verstorben ist). Zusätzlich gelten je nach Umfang des Erbes in drei Steuerklassen Steuersätze zwischen sieben und fünfzig Prozent.
Der unbedingte Respekt vor dem Privateigentum gehört zu den Grundfesten einer liberalen Gesellschaft. So steht es auch in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft. Dass der Staat mit Steuern auf das Eigentum seiner Bürger zugreift, ist streng genommen selbst bereits ein Verstoß gegen die Freiheit des Eigentums. Doch haben die Bürger in demokratischer Freiheit dem zugestimmt, weil sie hoffen, dass sie im Gegenzug für ihr Geld auch etwas bekommen: gute Schulen für ihre Kinder, gute Straßen für die Lastwagen ihrer Unternehmen, gute Panzer als Schutz gegen Putin & Co.
Doch warum diskriminieren die Preise für Staatsleistungen nach den verwandtschaftlichen Beziehungen der Akteure? Marietta Auer, meine Lieblingsrechtswissenschaftlerin vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, hat darauf eine freche Antwort: Das Gesetz beruht auf einem anachronistischen Gesellschaftsbild. »Die Legitimation des Erbrechts bleibt in Deutschland an das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie von 1950 gebunden«, so Auer. Nachlesen kann man das im Februarheft der Zeitschrift »Merkur« unter der Überschrift »Die deutsche Familie im Spiegel des Erbrechts.«
Besonders anschaulich wird der Eingriff in die Freiheit beim »Pflichtteil«. Der Erblasser kann seine Familie vollkommen enterben, gelingen wird ihm das nimmer. Denn es bleibt der Pflichtteil. Und der ist mehr als ein Almosen zur Unterstützung armer Familienmitglieder. Nehmen wir also noch einmal ein Vermögen von zehn Millionen, die eine gerade verstorbene Frau ihrem liederlichen Mann und ihren zwei nichtsnutzigen Kindern mittels Enterbung entziehen wollte. Gleichwohl gilt die Hälfte des gesetzlichen Erbteils als Pflichtteil: ein Viertel, also 2,5 Millionen, bekommt der liederliche Mann, je ein Achtel, also 1,25 Millionen, geht an die nichtsnutzigen Kinder. Lediglich die Hälfte des Geldes kann testamentarisch frei für wohltätige Zwecke verteilt werden.
Der Staat misstraut seinen Bürgern
Natürlich hat die Privilegierung der Familie historische Gründe: Vermögen war fast immer Familienvermögen. Die Hinterbliebenen sollen nicht mittellos dastehen, verarmen und dann womöglich dem Staat zur Last fallen. Und dann steht im Grundgesetz nicht nur die Testierfreiheit (Artikel 14), sondern auch, dass Ehe und Familie zu schützen sind (Artikel 6).
So lässt sich das Erbrecht als Kompromiss zwischen Testierfreiheit und Familienschutz interpretieren. Marietta Auer bestreitet freilich, dass der Kompromiss fair und heute noch zeitgemäß sei: »Es bleibt bei allem der Eindruck eines Staates, der den privaten Lebensentscheidungen seiner Angehörigen fundamental misstraut, sobald sie sich aus dem engen Korridor eines kleinbürgerlichen Lebensmodells herausbewegen.«
Was tun? Das Bundesverfassungsgericht wird sich demnächst mit der Ungerechtigkeit einer Privilegierung von Betriebsvermögen, also Unternehmenseigentum, im Erbrecht befassen. Das Gericht könnte sich bei dieser Gelegenheit auch mit der Zwangsprivilegierung der Familie im Erbrecht beschäftigen. Und der Gesetzgeber könnte – statt es immer noch komplizierter und ungerechter zu machen – das Erbrecht radikal liberalisieren. Etwa so: »Ein Erblasser ist völlig frei, wem er sein Eigentum überträgt. Eine Erbschaftsteuer wird nicht erhoben.«
Rainer Hank
17. März 2026
Wir steigern das Bruttosozialprodukt
Warum Richard David Precht ein paar Denkfehler unterlaufen
Warum sind die Chinesen vom deutschen Bundeskanzler so begeistert? Nach dessen Besuch in China Ende Februar verbreitete die in Peking erscheinende Parteizeitung »Global Times« einen Videoausschnitt einer Rede, die Merz im hessischen Volkmarsen unmittelbar nach seiner Rückkehr aus China gehalten hatte. Zur Einordnung: Volkmarsen liegt in Nordhessen, 28 Kilometer Luftlinie westnordwestlich von Kassel am Nordrand des Waldecker Tafellands. Wo Peking liegt, brauche ich nicht eigens erklären.
In Volkmarsen also hatte Merz gesagt: »Wenn Sie aus China kommen, dann haben Sie nochmal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist.« Diese Sätze wurden per Video aus Volkmarsen nach China transportiert, verbunden mit dem Hashtag »Der deutsche Bundeskanzler ist nach seiner Rückkehr aus China in Panik«, ein Satz, der im Reich der Mitte allein 48 Millionen Aufrufe erzielte.
Mich hat diese Meldung an den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erinnert, der mit dem geradezu prophetischen Ausspruch »Ich sage nur China, China, China« in die Geschichte eingegangen ist. Gemeint war: Europa überschätzt sich. Und: Die eigentlichen globalen Verschiebungen passieren langfristig in Asien. Heute gilt in der chinesischen Tech-Branche vielerorts die 9–9–6–Philosophie: Arbeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und das an sechs Tagen die Woche. Für Deutschland dagegen melden die Statistiker dieser Tage einen Teilzeitrekord.
Dass die Deutschen angesichts dieser Herausforderungen wieder produktiver werden und länger arbeiten müssen, ist eine Forderung, die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler seit Monaten wiederholen. »Eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich«, fordert der bayerischen Ministerpräsident Markus Söder. Moritz Schularick, Präsident des »Kiel Institut für Weltwirtschaft« pflichtet ihm bei: »Wir sollten alle 10 Prozent mehr arbeiten – ohne Lohnausgleich«.
Die wundersame Vermehrung der Mülltonnen
Der Pop-Philosoph Richard David Precht findet das »die dämlichste Idee«, die er je gehört habe. In seinem Podcast zusammen mit Markus Lanz zerpflückt er das Argument nach allen Regeln der populistischen Rhetorik. Prechts Beispiel sind die Müllmänner. Wenn die künftig eine Stunde länger arbeiten müssten, bringe das gar nichts für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit: »es werden ja nicht mehr Mülltonnen«. Die Folge, so Precht, sei also eher das Gegenteil: Das Arbeitstempo werde gedrosselt. Precht treibt seine Polemik auf die Spitze, wenn er über Bestatter nachdenkt, die ja auch nicht mehr Leichen zum Begraben hätten, wenn sie eine Stunde länger am Friedhof ausharren müssten.
Hätte Precht Recht, liefe die Debatte darüber, ob die Deutschen faul sind, gänzlich in die falsche Richtung. Eine Stunde Mehrarbeit würde die Faulheit vergrößern, allerdings ohne Freizeit- und Freiheitsgewinn.
Prechts Beispiel ist rhetorisch stark, aber ökonomisch unterkomplex. Wo steckt der Denkfehler? Prechts Wirtschaftswelt ist starr und statisch: Danach gibt es immer genauso viel Arbeit wie Mülltonnen. Und es gibt immer ausreichend Leichen für eine 36,5–Stundenwoche einer fixen Zahl von Bestattern.
Doch so ist die Welt nicht. Schaut man sich auf Job-Portalen um, sieht man zum Beispiel, dass Müllwerker – vornehm: Entsorgungshelfer, Fachkräfte in der Abfallwirtschaft – dringend gesucht werden. Wenn die Stellen aber nicht besetzt werden, sich das Angebot an Müllarbeitern nicht bessert, schlägt eine Stunde Mehrarbeit auf die Qualität der kommunalen Dienstleistungen positiv durch. Es würden endlich mehr oder sogar alle Mülltonnen geleert. Und wenn keine Knappheit an Müllmänner herrscht, könnten die Kommunen mittelfristig durch eine Stunde Mehrarbeit mit weniger Personal auskommen. Dass Prechts Polemik schließlich bei der Industriearbeit ins Leere läuft, liegt auf der Hand: Wenn die Arbeiter bei Mercedes in Untertürkheim länger schaffen, kommen am Ende mehr Autos vom Band – und die Arbeitskosten pro Auto verringern sich: Mercedes würde wettbewerbsfähiger im Vergleich zum japanischen Toyota oder chinesischen BYD.
Was eigentlich ist Produktivität? In Lehrbüchern dient Robinson auf seiner Insel als Beispiel. Produktivität bezieht sich auf die Menge der Güter und Dienstleistungen, die der einsame Robinson in einer bestimmten Zeit herstellen kann. Je mehr Fische er in der Stunde fängt, umso mehr hat er zum Abendessen. Um produktiver zu werden, kann er schneller arbeiten, länger arbeiten, einen besseren Angelplatz finden oder seine Angel technisch verbessern. Ebenso wie Robinson kann ein Land nur dann einen hohen Lebensstandard erreichen, wenn es in der Lage ist, eine große Menge an Waren und Dienstleistungen zu produzieren.
Die Stunden machen’s
Nun sagt Richard David Precht, viel entscheidender als die simple Zahl der gearbeiteten Stunden sei es, wie effizient und technologisch kreativ die deutsche Wirtschaft sei. Da ist was dran. Aber Technologie, Wissen, Effizienz und Organisation kompensieren nicht die Viertagewoche. Der Wohlstand pro Kopf hängt nicht nur davon ab, wie produktiv eine Stunde ist, sondern auch davon, wie viele Stunden insgesamt gearbeitet werden. Nehmen wir an, die Wertschöpfung pro Stunde betrage im Land A 70 Euro und es werden 1.400 Stunden im Jahr gearbeitet. Dann beträgt der Pro-Kopf-Output pro Erwerbstätigem 98.000 Euro. Liegt im Land B die Produktivität pro Stunde bei lediglich 60 Euro, es werden aber 1.900 Stunden gearbeitet, erhöht sich der Output auf 114.000 Dollar. Fazit: Obwohl Land A durch effizientere Arbeitsstrukturen produktiver ist, liegt Land B beim Output pro Kopf vorne. Genauso sieht es aus. Deutschland liegt bei der Stundenproduktivität über dem Durchschnitt der OECD. Da aber in vielen anderen Ländern mehr Stunden gearbeitet werden als in Deutschland, ist dort der Output größer, auch wenn die Stundenproduktivität geringer ist.
Das Problem könnte sich mittelfristig sogar noch verschärfen, wenn hierzulande die Teilzeitquote weiterwächst, die Boomer den Arbeitsmarkt verlassen, die Lebensarbeitszeit aber gleichbleibt. In welchem Maße die Künstliche Intelligenz zu einem kompensatorischen Produktivitätsschub führt, steht (noch) in den Sternen.
Und nun? Da bleibt nur, die vom Richard David Precht selbst zitierte Zeile aus dem alten Song von »Geier Sturzflug« wörtlich zu nehmen: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!« Wir können es auch bleiben lassen, weil uns unsere Work-Life-Balance so ans Herz gewachsen ist. Das bringt am Ende noch mehr triumphale Klicks in den Parteizeitungen Pekings, während die Menschen im hessischen Volkmarsen eher ärmer werden.
Rainer Hank
17. März 2026
Das Spiel ist aus
Vom Ende der regelgeleiteten Weltordnung
Am 24. Februar 2022 hat Vladimir Putin die Ukraine überfallen. In der vergangenen Woche jährte sich dieses Datum zum vierten Mal. So viel derzeit von Frieden und Friedensgesprächen die Rede ist: Die Bilder, die wir täglich im Fernsehen zu Gesicht bekommen, sprechen eine andere Sprache.
Drei Tage nach dem Überfall, am 27. Februar 2022, hielt der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz eine Rede, die schon am selben Tag berühmt wurde. Der zentrale Satz lautete: »Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.«
Dass ein europäischer Staat einen anderen europäischen Staat angriff, hat es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Dass der Überfall »völkerrechtswidrig« war, wird seither stets hinzugefügt. Putin selbst gab sich noch nicht einmal sonderlich Mühe, die kriegerische Aggression zu begründen. Mal hieß es, es seien in der Ukraine »Faschisten« an der Macht, die man entmachten müsse. Mal sollte die russischstämmige Bevölkerung im Osten der Ukraine durch die »militärische Spezialoperation« Russlands »befreit« werden.
Doch in welchem Sinn stimmt die Behauptung einer »Zeitenwende«? Dass Staaten Regeln des Völkerrechts brechen, reicht zur Begründung nicht. Das passierte nicht zum ersten Mal. Besonders prominent für einen westlichen Regelbruch ist der von den Vereinigten Staaten geführte Krieg gegen den Irak 2003, ohne ein aktuelles Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die internationale Kritik war groß, weil dieser Einsatz gegen das Gewaltverbot der UN-Charta verstieß. »Legitime« militärische Gewalt ist nur zulässig zur Selbstverteidigung oder mit Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die Begründung für den Angriff – das Regime verfüge über Massenvernichtungswaffen – war nicht minder erfunden als die Begründung, die Putin für die Aggression in Anspruch nahm. Doch, soweit ich mich erinnere, sprach 2003 niemand von »Zeitenwende« und vom Bruch der »regelgeleiteten Weltordnung«.
Auch internationale Wirtschaftsverträge werden regelmäßig gebrochen. »Das interessiert mich jetzt nicht«, nuschelte Bundeskanzler Gerhard Schröder schnoddrig, als er im Sommer 2002 nach einer Hochwasserkatastrophe den Vertrag von Maastricht brach, der ein maximales Haushaltsdefizit von drei Prozent vorschreibt. Es gab ein bisschen Gejaule, aber niemand stellte ein Ende der »regelgeleiteten Ordnung« der Eurozone fest.
Schlag nach bei Wittgenstein
Das führt zur Grundsatzfrage: Was ist eigentlich eine Regel? Und was kann eine regelgeleitete Ordnung zu Fall bringen?
Um die Frage zu beantworten, ist ein kleiner Ausflug in die Philosophie hilfreich. Genauer gesagt in das Spätwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951). Man macht sich deren Bedeutung am ehesten klar, wenn man an ein Spiel denkt, ein Fußballspiel oder ein Schachspiel. Bestimmte Regeln – »Ein Tor zählt, wenn der Ball vollständig hinter der Linie ist« oder »Der Läufer zieht diagonal« – machen nur innerhalb einer bestimmten sozialen Praxis Sinn: Eben dem Fußball- oder dem Schachspiel. Im Schach gibt es kein Foul, im Fußball gibt es keine Regel, wonach der Läufer stets diagonal zieht. Und jeder am Spiel Beteiligte weiß: Ein Foul wird vom Schiedsrichter mit einem Freistoß und womöglich mit einer gelben Karte geahndet. Ein Schachspieler, der den Läufer nicht diagonal, sondern horizontal oder vertikal zieht, hat das Spiel verlassen. Was er macht, macht keinen Sinn.
Für Wittgenstein ist zentral: Einer Regel zu folgen, ist kein theoretisches Erkennen, sondern ein praktisches Beherrschen, vergleichbar mit dem Erlernen und Spielen eines Spiels. Regeln leben davon, dass alle Beteiligten sie gebrauchen, sie anerkennen und dadurch ihre gegenseitigen Erwartungen wechselseitig und dauerhaft stabilisieren. Und, das ist das Wichtigste, dass der Bruch der Regeln sanktioniert wird (Elfmeter nach Foul innerhalb des eigenen Strafraums) und ihre Befolgung auch gegenüber den Mächtigen durchsetzbar ist. Für den Konfliktfall sind die Spieler übereingekommen, sich dem Urteil eines Schiedsrichters zu unterwerfen.
An alledem gebrach es aber nach dem 24. Februar 2022: Sanktionen des Westens gegen den russischen Aggressor wurden nur halbherzig durchgesetzt und von vielen Staaten (China, Indien) und Unternehmen von Anfang an unterlaufen. Olaf Scholz, der deutsche Kanzler, war der Meinung, ein kompletter Stopp russischer Gaslieferungen sei den Deutschen nicht zuzumuten, denn es werde dann in deren Wohnungen empfindlich kalt werden. Damit half er mit, jene »Zeitenwende« herbeizuführen, die er selbst mit Bedauern zuvor konstatiert hat.
Regeln zu brechen ist noch keine Zäsur
Selbst im Krieg und selbst Staaten müssen sich an grundlegende Regeln halten; für schwerste Verbrechen können Einzelpersonen auf Grundlage des Völkerstrafrechts in Den Haag persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Doch nichts davon geschieht!
Merke: Dass Regeln gebrochen werden, ist noch keine Zeitenwende. Dass ihre Geltung nicht mehr durchgesetzt werden kann oder ihre Anerkennung nicht mehr sinnvoll erscheint, begründet die Zeitenwende. Dann wird nicht mehr nur um die Einhaltung einzelner Regeln gestritten – sondern der Wert von Regeln insgesamt bestritten. Die USA unter Donald Trump (teilweise auch schon früher) ignorieren die Regeln der Welthandelsorganisation WTO und verhängen Zölle als wirtschaftliche und politische Waffe. Sie begründen den Regelbruch und das Ignorieren der Zuständigkeit des amerikanischen Kongresses mit einer »Not- und Ausnahmesituation«. Paradoxerweise wird dadurch aus dem Ausnahmezustand ein Normalfall, der die Ordnung der Regeln dauerhaft außer Kraft setzt.
Noch einmal: Nicht der Bruch der Regeln, sondern die dauerhafte Verweigerung ihrer Anerkennung von der Staatengemeinschaft definiert das Ende der regelgeleiteten Ordnung. Mit Wittgenstein müsste man sagen: Die Weltgemeinschaft – eine »Gemeinschaft« ist es ja eigentlich längst nicht mehr – hat die Lust am Spiel verloren. Wie Schachspieler, die das Schachbrett umwerfen. Die Felder sind leer; die Figuren purzeln durcheinander. Das Spiel ist aus.
Gibt es ein neues Spiel? Und wenn ja, wie sind dessen Regeln? Es macht gerade die Unsicherheit unserer Zeit aus, dass das noch niemand sagen kann. Die Macht des Stärkeren, die Logik von Freund und Feind, der dauerhafte Ausnahmezustand – das alles kann man eigentlich kaum als ein regelgeleitetes Spiel bezeichnen. Falls doch, sind die Regeln archaisch. Willkürherrschaft und Günstlingswirtschaft machen die Welt unberechenbar, was abermals ein Zeichen von Regellosigkeit ist. Für die Einhaltung von Regeln braucht es einen Hegemonen oder eine Gemeinschaft, die sich darauf verpflichtet und sie glaubwürdig durchsetzt. Weder das eine noch das andere ist zu sehen.
Rainer Hank
