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  • 17. März 2026
    Wir steigern das Bruttosozialprodukt

    Philosophen unter sich: Lanz und Precht Foto Focus online

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Richard David Precht ein paar Denkfehler unterlaufen

    Warum sind die Chinesen vom deutschen Bundeskanzler so begeistert? Nach dessen Besuch in China Ende Februar verbreitete die in Peking erscheinende Parteizeitung »Global Times« einen Videoausschnitt einer Rede, die Merz im hessischen Volkmarsen unmittelbar nach seiner Rückkehr aus China gehalten hatte. Zur Einordnung: Volkmarsen liegt in Nordhessen, 28 Kilometer Luftlinie westnordwestlich von Kassel am Nordrand des Waldecker Tafellands. Wo Peking liegt, brauche ich nicht eigens erklären.

    In Volkmarsen also hatte Merz gesagt: »Wenn Sie aus China kommen, dann haben Sie nochmal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist.« Diese Sätze wurden per Video aus Volkmarsen nach China transportiert, verbunden mit dem Hashtag »Der deutsche Bundeskanzler ist nach seiner Rückkehr aus China in Panik«, ein Satz, der im Reich der Mitte allein 48 Millionen Aufrufe erzielte.

    Mich hat diese Meldung an den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erinnert, der mit dem geradezu prophetischen Ausspruch »Ich sage nur China, China, China« in die Geschichte eingegangen ist. Gemeint war: Europa überschätzt sich. Und: Die eigentlichen globalen Verschiebungen passieren langfristig in Asien. Heute gilt in der chinesischen Tech-Branche vielerorts die 9–9–6–Philosophie: Arbeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und das an sechs Tagen die Woche. Für Deutschland dagegen melden die Statistiker dieser Tage einen Teilzeitrekord.

    Dass die Deutschen angesichts dieser Herausforderungen wieder produktiver werden und länger arbeiten müssen, ist eine Forderung, die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler seit Monaten wiederholen. »Eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich«, fordert der bayerischen Ministerpräsident Markus Söder. Moritz Schularick, Präsident des »Kiel Institut für Weltwirtschaft« pflichtet ihm bei: »Wir sollten alle 10 Prozent mehr arbeiten – ohne Lohnausgleich«.

    Die wundersame Vermehrung der Mülltonnen

    Der Pop-Philosoph Richard David Precht findet das »die dämlichste Idee«, die er je gehört habe. In seinem Podcast zusammen mit Markus Lanz zerpflückt er das Argument nach allen Regeln der populistischen Rhetorik. Prechts Beispiel sind die Müllmänner. Wenn die künftig eine Stunde länger arbeiten müssten, bringe das gar nichts für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit: »es werden ja nicht mehr Mülltonnen«. Die Folge, so Precht, sei also eher das Gegenteil: Das Arbeitstempo werde gedrosselt. Precht treibt seine Polemik auf die Spitze, wenn er über Bestatter nachdenkt, die ja auch nicht mehr Leichen zum Begraben hätten, wenn sie eine Stunde länger am Friedhof ausharren müssten.

    Hätte Precht Recht, liefe die Debatte darüber, ob die Deutschen faul sind, gänzlich in die falsche Richtung. Eine Stunde Mehrarbeit würde die Faulheit vergrößern, allerdings ohne Freizeit- und Freiheitsgewinn.

    Prechts Beispiel ist rhetorisch stark, aber ökonomisch unterkomplex. Wo steckt der Denkfehler? Prechts Wirtschaftswelt ist starr und statisch: Danach gibt es immer genauso viel Arbeit wie Mülltonnen. Und es gibt immer ausreichend Leichen für eine 36,5–Stundenwoche einer fixen Zahl von Bestattern.

    Doch so ist die Welt nicht. Schaut man sich auf Job-Portalen um, sieht man zum Beispiel, dass Müllwerker – vornehm: Entsorgungshelfer, Fachkräfte in der Abfallwirtschaft – dringend gesucht werden. Wenn die Stellen aber nicht besetzt werden, sich das Angebot an Müllarbeitern nicht bessert, schlägt eine Stunde Mehrarbeit auf die Qualität der kommunalen Dienstleistungen positiv durch. Es würden endlich mehr oder sogar alle Mülltonnen geleert. Und wenn keine Knappheit an Müllmänner herrscht, könnten die Kommunen mittelfristig durch eine Stunde Mehrarbeit mit weniger Personal auskommen. Dass Prechts Polemik schließlich bei der Industriearbeit ins Leere läuft, liegt auf der Hand: Wenn die Arbeiter bei Mercedes in Untertürkheim länger schaffen, kommen am Ende mehr Autos vom Band – und die Arbeitskosten pro Auto verringern sich: Mercedes würde wettbewerbsfähiger im Vergleich zum japanischen Toyota oder chinesischen BYD.

    Was eigentlich ist Produktivität? In Lehrbüchern dient Robinson auf seiner Insel als Beispiel. Produktivität bezieht sich auf die Menge der Güter und Dienstleistungen, die der einsame Robinson in einer bestimmten Zeit herstellen kann. Je mehr Fische er in der Stunde fängt, umso mehr hat er zum Abendessen. Um produktiver zu werden, kann er schneller arbeiten, länger arbeiten, einen besseren Angelplatz finden oder seine Angel technisch verbessern. Ebenso wie Robinson kann ein Land nur dann einen hohen Lebensstandard erreichen, wenn es in der Lage ist, eine große Menge an Waren und Dienstleistungen zu produzieren.

    Die Stunden machen’s

    Nun sagt Richard David Precht, viel entscheidender als die simple Zahl der gearbeiteten Stunden sei es, wie effizient und technologisch kreativ die deutsche Wirtschaft sei. Da ist was dran. Aber Technologie, Wissen, Effizienz und Organisation kompensieren nicht die Viertagewoche. Der Wohlstand pro Kopf hängt nicht nur davon ab, wie produktiv eine Stunde ist, sondern auch davon, wie viele Stunden insgesamt gearbeitet werden. Nehmen wir an, die Wertschöpfung pro Stunde betrage im Land A 70 Euro und es werden 1.400 Stunden im Jahr gearbeitet. Dann beträgt der Pro-Kopf-Output pro Erwerbstätigem 98.000 Euro. Liegt im Land B die Produktivität pro Stunde bei lediglich 60 Euro, es werden aber 1.900 Stunden gearbeitet, erhöht sich der Output auf 114.000 Dollar. Fazit: Obwohl Land A durch effizientere Arbeitsstrukturen produktiver ist, liegt Land B beim Output pro Kopf vorne. Genauso sieht es aus. Deutschland liegt bei der Stundenproduktivität über dem Durchschnitt der OECD. Da aber in vielen anderen Ländern mehr Stunden gearbeitet werden als in Deutschland, ist dort der Output größer, auch wenn die Stundenproduktivität geringer ist.

    Das Problem könnte sich mittelfristig sogar noch verschärfen, wenn hierzulande die Teilzeitquote weiterwächst, die Boomer den Arbeitsmarkt verlassen, die Lebensarbeitszeit aber gleichbleibt. In welchem Maße die Künstliche Intelligenz zu einem kompensatorischen Produktivitätsschub führt, steht (noch) in den Sternen.

    Und nun? Da bleibt nur, die vom Richard David Precht selbst zitierte Zeile aus dem alten Song von »Geier Sturzflug« wörtlich zu nehmen: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!« Wir können es auch bleiben lassen, weil uns unsere Work-Life-Balance so ans Herz gewachsen ist. Das bringt am Ende noch mehr triumphale Klicks in den Parteizeitungen Pekings, während die Menschen im hessischen Volkmarsen eher ärmer werden.

    Rainer Hank